Johanniskraut – ein Stimmungsaufheller

Wir leben ja in sehr besonderen Zeiten. Rückblickend würde ich sagen, vor gut 50 Jahren hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben wir als Spezies Mensch die Macht, die ganze Menschheit oder sogar alles Leben auf diesem unserem Planeten zu zerstören.

Angedeutet hatte sich diese Option bereits 1945, als die USA mit zwei Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki demonstrierte, dass sie über eine völlig neue Generation von Waffen verfügte. Eine Waffe deren akute Zerstörungskraft jede bisher vorstellbare Dimension übertraf und unter deren Radioaktivität die Nachkommen der heute Lebenden noch in Tausenden von Jahren leiden werden.

1972 schilderte der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums eine zweite Art und Weise, wie die Lebens- und Wirtschaftsweise der modernen Menschen das Leben auf der Erde gefährdet. Die weiter zunehmende Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre führte inzwischen weitestgehend unbestritten zur Erwärmung der Atmosphäre, deren Folgen wir in Ansätzen auch in Europa bereits spüren. Und mit der Bedrohung durch Corona stehen wir vor einer weiteren globalen Herausforderung, die eine Folge der massiven Zurückdrängung natürlicher Lebensräume durch die industrialisierte Lebensweise mehrerer Milliarden Menschen ist.

Ich bin absolut sicher, so wie bisher kann es nicht weitergehen, aber wie dann?

Im Leben mit meinen Kindern stand ich persönlich vor einer ganz ähnlichen Frage. So wie meine Eltern mich erzogen hatten, wollte ich es mit meinen Töchtern auf keinen Fall wiederholen. Aber wie dann? Ich hatte keine Ahnung, wie ich denken sollte oder was ich tun konnte – und meine Gefühle waren oft wenig hilfreich, wenn es anstrengend wurde oder ich in Stress geriet. Es brauchte eine völlig andere Art der Beziehung, als ich sie bisher erlebt hatte. Ich musste über mich hinauswachsen, mich verwandeln.

Gleichwürdigkeit statt Macht

Noch vor wenigen Generationen wurden Familienbeziehungen in erster Linie als Machtbeziehungen gelebt. Der Herr des Hauses bestimmt, was die anderen tun. Bis in die 1970er durften Frauen in Deutschland nicht selbst entscheiden, ob sie einer Berufstätigkeit nachgehen wollen. Im selben Jahrzehnt wurde in der Schweiz das Frauenwahlrecht eingeführt. Und erst seit 2000 haben Kinder in Deutschland das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung ohne Prügel, emotionale Erpressung und erniedrigende Strafen. In den letzten Jahrzehnten findet in zahlreichen Familien ein Wandel statt, der den Respekt und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ins Zentrum der Erziehung stellt. Die gleiche Würde für alle ermöglicht kreative Lösungen jenseits von Befehl und Gehorsam.

Vor dieser Herausforderung stehen wir nun auch als Menschheit. Wir können Formen des Zusammenlebens erfinden, die getragen sind von der Haltung der gegenseitigen Fürsorge und der Aufrechterhaltung des Lebenszusammenhangs als Ganzes. Niemand und nichts darf ausgeschlossen werden, weder Menschen in anderen Kulturen noch die unterschiedlichen Tier- und Pflanzenarten. Wir sind alle gemeinsam an den natürlichen Regenerationsrhythmen unserer Innen- und Außenwelt beteiligt und ihnen unterworfen, ob wir wollen oder nicht.

Zwei gute Nachrichten

Eins - Wir sind alle in der Lage, das Wohlergehen aller Wesen in unserem Denken und Handeln zu berücksichtigen, wie wunderbar! Jeden Tag trifft jede/r unzählige Entscheidungen: Für oder gegen das preisgünstige, von Kinderhänden hergestellte Shirt, für konventionell hergestellte oder Bio-Lebensmittel, für Gemüse aus Übersee oder der Region, für das Hochdrehen der Heizung oder das Überziehen eines Pullovers, für Plastikverpackungen oder lose Lebensmittel, für eine freundliche Frage, ein „Dankeschön“ oder ein grimmiges Meckern, für einen Gruß oder eine wortlose Begegnung, für das Auto, öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder einen Spaziergang, für die Teilnahme an der Demo oder den Nachmittag auf dem Sofa.

In jedem Moment wägen wir ab, ob wir unserem persönlichen Vorteil Vorrang geben oder die Bedürfnisse unserer Mitmenschen berücksichtigen. Wir wollen eigenständig entscheiden und uns gleichzeitig mit anderen verbunden fühlen. Eigensinn und Gemeinsinn, Individualität und Zugehörigkeit sind die grundlegenden sozialen Bedürfnisse aller Menschen.

Jenseits von Befehl und Gehorsam

Zwei - Wir können unsere Prioritäten verändern. Wir benötigen niemanden, der uns dafür belohnt, die mitmacht oder uns gar dazu zwingt. Es genügt die schlichte menschliche Vernunft.

Schon 5 jährige Kinder beantworten die Frage, ob man aus einer Tüte Süßigkeiten endlos Bonbons entnehmen kann mit einem logisch eindeutigen „Nein!“. Nur wir Erwachsenen tun so, als wäre es das Vernünftigste der Welt, 8 Mrd. Menschen mit Elektro-Autos statt mit Benzinern auszustatten?!?

Alle indigenen Völker wissen um das sensible Gleichgewicht mit der Natur und schützen über Generationen ihren Lebensraum. Und auch alle alten Religionen betonen die Bedeutung von Nächstenliebe und Gemeinschaft. Wie konnten wir moderne, intelligente Menschen dieses uralte Wissen in unserem seit Jahrhunderten vorwiegend ausbeuterischen Handeln gegenüber der Natur und unseren Mitmenschen so ignorieren?

„Keine Lust“ ist kein Argument

Beenden wir die achtlose Ausnutzung der ungerechten Weltordnung! Nutzen wir jede/r unsere kleineren und größeren Möglichkeiten für lebensbejahende Entscheidungen. Es ist Zeit, dass jede/r wieder die Verantwortung für das eigene Handeln und seine Folgen übernimmt. Weder „die Mächtigen“ noch „das Böse“, weder die „Kapitalisten“ noch „das System“ werden unser Überleben sichern. Es ist Zeit für die aktive Rettung unserer Zivilisation, für persönliche Verantwortung und gegenseitige Wertschätzung. Was wollen wir sagen, wenn unsere Kinder und Enkel uns in 10 Jahren fragen, was wir für die Bewahrung ihrer Zukunft unternommen haben? Schon jetzt sind die Folgen unserer Konsumgesellschaft offensichtlich.

Ebenso wie in der Familie als Eltern, sind wir als Erwachsene für die Qualität des Zusammenlebens auf dieser Erde zuständig. Wer, wenn nicht wir? Entscheidungsfreiheit und Verantwortung können uns weder genommen noch gegeben werden. „Keine Lust“ ist kein Argument, weder in der Familie, noch im Alltag. Und gegen das Gefühl der Machtlosigkeit lässt sich etwas tun!

Geschenk und Herausforderung

Ich empfinde es persönlich als ein grandioses Geschenk und manchmal auch als überwältigende Herausforderung, dass all diese unterschiedlichen Ebenen des Handelns in jedem Moment auch in mir zusammenkommen. Und doch ist jede/r in der Lage, aus den Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen, Entscheidungen für aktuelles Handeln zu treffen und damit unsere Zukunft mitzugestalten. Alle vergangenen, aktuellen und zukünftig möglichen Welten kristallisieren sich in diesem Moment – und jeder Mensch ist eine einzigartige Kombination all dieser Zeiten, Konstellationen und Erfahrungen.

Wie können wir in der Familie, im Stadtteil, am Arbeitsplatz und als Weltbürger diese Vielfalt und Weisheit gemeinsam nutzen, um mit den Mitwesen auf diesem Planeten so zu leben, dass die Unterschiede uns nicht trennen und gegeneinander aufbringen, sondern ein gutes Leben und Entfaltung jetzt und in Zukunft für alle möglich bleibt? Finden wir es gemeinsam heraus!

„Die Dringlichkeit der »Gefahr des Untergangs« ist unübersehbar. Sie sollte der konstante Gegenstand von Aufklärungsprogrammen, Organisation und Aktivismus sein und den Hintergrund für unser Engagement in allen anderen Kämpfen bilden. …

Aber ein solches Verständnis setzt eine wesentlich größere Sensibilität gegenüber den weltweit verbreiteten Formen von Leid und Unrecht voraus – ein tieferes Bewusstsein, das zu Aktivismus und Engagement sowie zu tieferen Einsichten in deren Wurzeln und wechselseitige Verbindungen inspirieren kann.“

(Noam Chomsky: Rebellion oder Untergang – www.westendverlag.de/buch/rebellion-oder-untergang)

Mein Fazit:
Wir leben in sehr besonderen Zeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben wir als Spezies Mensch die Macht, die ganze Menschheit oder sogar alles Leben auf diesem unserem Planeten zu zerstören.

Wie können wir in der Familie, im Stadtteil, am Arbeitsplatz und als Weltbürger unsere individuelle Vielfalt und Weisheit gemeinsam nutzen, damit ein gutes Leben und Entfaltung jetzt und in Zukunft für alle möglich bleibt? Mit bewussten Entscheidungen, Übernahme persönlicher Verantwortung und gegenseitiger Wertschätzung!

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